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Ein Stück Heimat

Today's Financial News - Posted September 15, 2009

Diese Vignette aus dem Alltag einer amerikanischen Vorstadt wurde schon vor ein paar Jahren geschrieben… ist aber immer noch schön!

von J. Christoph Amberger

Baltimore, MD — TFN: Zur Mittagszeit (ich hatte einem chinesischen Freund nördlich der Stadt bei der Verständlichmachung deutscher Export-Konditionen geholfen) überfiel mich auf dem Weg zurück ins Büro ein Heißhunger, der nur durch einen Angus Steak Burger mit Käse und Speck bei Burger King gestillt werden konnte.

Entsprechend stellte ich meinen fahrbaren Untersatz auf dem Parkplatz einer gehobenen Shopping Mall ab und mich selber in eine sich mit peristaltischer Langsamkeit fortbewegende Schlange von Krankenschwestern und schlüsselbundbehangenen Innenklimatechnologen.

Da fiel er mir auf: Wie ein Blick durchs geschlossene Fenster auf einen spätnachmittaglichen Berliner Novemberhimmel stand dort eine anthropomorphe Form aus flüssigem Grau, mittenmang den ebenso ausladenden wie buntbekittelten irischen Oberweiten und den Klempnermonturen.

Graumelierter Hanseatenbart, graudurchschossene, nach hinten gepattete Haare. Grau-beige Haut.

Zähne wie aus antikem Elfenbein. Graue “Stoffhose” mit Bügelfalte. Graue wattierte Windjacke mit pseudo-englischem Label. Graue Strickweste. Darunter ein weinrotes Hemd und ein vorwitziges Stück Unterhemd. Schießer Tausendsassa, jede Wette!

Ein Blick auf die Schuhe… bequem-groteske Gesundheitstreter… verfestigte das schon bei Kierkegaard thematisierte Wiedererkennen: Hier, im Burger King unserer wohlhabenden mitt-atlantischen Vorstadt, stand ein Stück Heimat!

Ein Mitdeutscher aus der Generation meines Vaters. Ein Norddeutscher noch dazu… vielleicht ein evangelischer Pfarrer, pensionierter Sozialkundelehrer oder anderer Stammleser der Zeit oder von “Sicheres Geld”?

Die Bestellung bestätigte den Eindruck. In flüssigem wenn auch stark akzentuiertem Oberlehrerenglisch der 50er Jahre bestellte der Mann eine Grilled Chicken Sandwich-Combo, für welche er den exakten Betrag aus Dollarscheinen und Münzen aus der Kleingeldtasche seines Portemonnaies auf den Tresen pusselte.

Ein todsicheres Kennzeichen: Amerikanische Portemonnaies haben keine Kleingeldtaschen… man souverän das körperwarme Klingelgeld aus der Hosentasche… wenn man es überhaupt noch mitnimmt.

Aus diskreter Entfernung sah ich ihm dann beim beidhändigen Manövrieren seines Sandwichs zu. Plopp, machte die Tomatenscheibe. Yup, das kam mir bekannt vor! Eindeutig ein archetypischer deutscher Verwandtenbesuch beim Zelebrieren des stammesüblichen Rituals des “Einlebens”.

Ich musste grinsen: War auch er Großvater amerikanisch aufwachsender Enkel (”Nu’ könntense aber ma langsam ‘n bisschen Deutsch lernen…”), der sich über die Feiertage (”Na denn komm ich doch einfach schonmal zu Thanksgiving…”) bei den Kindern aufhielt, und für vier lange Wochen (”Damit sich’s denn auch lohnt…”) ein Spektrum aus dezenten Grautönen und teutonischem Familientratsch ins amerikanische Familienleben einbrachte?

Damit sich die amerikanische Schwiegertochter mal so richtig freuen kann?

Nostalgisch auf Familie gestimmt, versuchte ich, uf dem Weg in die Stadt bei “Opa” in Berlin anzurufen. Nur der Anrufbeantworter reagierte in nasaler Berliner Meckerstimme.

Auch gut. Warum denn in die Ferne schweifen?

Die Heimat ist so nah!


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