Disney und das Alte Europa
Today's Financial News - Posted October 15, 2009
Auch schon ein bißchen betagt, dieses Stück, aber Qualität und Wahrheit altern halt nicht…
von Christoph Amberger
Hausfrauenpsychologisch versierte Trader’s Daily Leser konstatierten mir gern völlige Veramerikanisierung. Und doch fühle ich mich immer noch beladen mit den Dünkeln und Vorurteilen betulicher Alt-Europäer. Nur so hatte ich es in den vergangenen 17 Jahren u.a. vermeiden können, mir Disney World anzusehen.
Nun ist das vielleicht heute schon eine Bildungslücke: Gerade als Deutscher bastelt man sich ja sein Amerikabild gern aus den hautnahen Erfahrungen, die man auf einer zweiwöchigen Pauschalreise nach Florida oder Kalifornien erwarb, gibt dann noch eine Stippvisite in Manhattan drein und verrührt das ganze gut mit der kulturellen Überlegenheit, die beim Ansehen holprigst ins Dummdeutsche übersetzter und erbärmlichst synchronisierter amerikanischer Fernsehserien aufkommt. So kann man bei der Lektüre tendenziöser Spiegel-Artikel dann wissend mitnicken: “Ja. So isses wirklich.”
Zum Glück hat meine amerikanische Angetraute schon lange spitz, dass es sich bei der gefeierten europäischen Überlegenheit meist nur um Bluff und merkwürdig geformtes Schuhwerk handelt. So ignorierte sie mein Augenrollen und buchte kurzerhand eine Woche in Orlando für die um Grosseltern und Onkel erweiterte Großfamilie.
Trotz meiner eurozentrischen Absicht keinen Spaß zu haben, fand ich mich genötigt, meine Vorurteile zu revidieren. Ich mag zwar weder die klebrige politische Korrektheit von Pocahontas noch den übermäßigen Gebrauch des Adjektiv “magical” noch das fürchterliche Musical-Gesinge, welche die Handlungen der Disneyfilme verhunzt wie Kaugummi eine Tischkante.
Aber nur ein kompletter Schrat kann unbeeindruckt bleiben von der unglaublichen Detailorientiertheit, welche Disney World als Geschäft auszeichnet.
Das reicht von der Weite der Brücken (nach rechts abgehende Brücken sind weiter als nach links gehenden, da sich Menschenmassen instinktiv nach rechts bewegen) bis zur Qualität selbst des Fast Food. Von der Materialwissenschaft, die in die Bauten und Anlagen geht. Von der Freundlichkeit der Angestellten. Der Sauberkeit sämtlicher Anlagen. Der nahtlosen Integration von Bus, Schiff, und Bahnverkehr innerhalb des Bezirks. Alles kommt zusammen zu einem perfekten Urlaub, bei dem die Kinder morgens um sieben aus den Betten springen und abends ohne Maulen um 9 die Augen zumachen.
Natürlich hat das alles seinen Preis. Aber sollte es jemals soweit kommen, dass Landesteile hier privatisiert werden, bin ich einer der Ersten, der seinen neuen Pass bei Goofy beantragt.
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